Warum Seehunde Touristen komplett ignorieren
Seehunde ignorieren Touristen weitgehend, weil sie sich an die menschliche Präsenz in beliebten Küstengebieten habitueert haben und Menschen nicht als unmittelbare Bedrohung wahrnehmen, solange diese Abstand halten und nicht aggressiv wirken. Zudem sind Seehunde hauptsächlich mit Nahrungsaufnahme, Ruhen und sozialen Interaktionen mit Artgenossen beschäftigt, sodass passive menschliche Beobachter für sie schlicht nicht relevant sind. Das sagen die Fachleute. Wer’s lieber spannend mag, lauscht jetzt den Worten von Opa Kurt:
Also, Kinder, heute erkläre ich euch warum Seehunde hundert Menschen mit Kameras komplett ignorieren können. Ein Auge auf, einmal kurz gucken, wieder schlafen. Als wären die Touristen Wolken. Unvermeidlich, aber nicht interessant.
Das ist keine Gleichgültigkeit.
Das ist Training.
Die Lehrerin hieß Mette. Eine alte Seehundkuh auf Föhr, klein, dunkelgrau, mit dem Gesichtsausdruck von jemandem der schon alles gesehen hat und nichts mehr überrascht.
Mette hatte eine Theorie: Aufmerksamkeit kostet Energie. Und Energie ist Fisch. Und Fisch muss man sich holen. Also: Keine Energie an Dinge verschwenden die keinen Fisch bringen.
Touristen brachten keinen Fisch.
Manche brachten Brot. Das war falsch und sie sagten es trotzdem. Mette aß es nicht. Schlechte Präzedenz.
Sie lehrte die Jungen: Wenn ein Mensch kommt – einmal kurz schauen. Gefahr? Nein. Gut. Weiterschlafen. Wenn viele Menschen kommen – einmal kurz schauen. Gefahr? Nein. Gut. Weiterschlafen. Wenn ein Mensch sehr nah kommt und komische Geräusche macht – einmal kurz schauen. Gefahr? Meistens nein. Gut. Weiterschlafen.
Es gab eine Ausnahme: Kinder unter sechs Jahren. Die kamen manchmal sehr schnell und mit ausgestreckten Armen. Das war kein Angriff, das wusste Mette, aber es war auch kein angenehmer Start in den Nachmittag.
Für Kinder unter sechs: einmal kurz ins Wasser rutschen. Ohne Drama. Ohne Eile.
Die Jungen lernten es schnell. Mette war eine gute Lehrerin weil sie nichts erklärte was sie nicht vorführte – und weil sie bei Fehlern nicht schimpfte sondern einfach selbst richtig machte und abwartete.
Heute sitzen Seehunde an jedem Strand der Nordsee und schauen durch Touristen hindurch wie durch Glas.
Mette würde das gefallen.
Sie schläft jetzt irgendwo in der Nordsee, senkrecht im Wasser, Nase oben. Kommt jeden Morgen raus, schaut kurz ob Gefahr da ist.
Keine Gefahr. Weiterschlafen.
So macht man das.
Gute Nacht.
