Warum Seehunde an Land so unbeholfen wirken
Seehunde haben sich evolutionär an das Leben im Wasser angepasst und besitzen daher verkürzte Gliedmaßen sowie eine weniger bewegliche Wirbelsäule, die an Land zu einer watschelnden, kraftaufwändigen Fortbewegung führen. Ihre Hinterflossen sind zudem nach hinten ausgerichtet und können nicht unter den Körper gebracht werden, was ihnen an Land deutlich weniger Mobilität ermöglicht als an aquatische Säugetiere mit landgestütztem Körperbau. Das sagen die Fachleute. Wer’s lieber spannend mag, lauscht jetzt den Worten von Opa Kurt:
Also, Kinder, heute erkläre ich euch warum Seehunde an Land so aussehen als hätten sie noch nie in ihrem Leben einen geraden Weg genommen.
Das hat einen Grund. Und der Grund heißt Freddy.
Freddy war ein junger Seehund, vor langer Zeit, auf einer Sandbank bei Cuxhaven. Freddy war im Wasser das Schnellste was die Nordsee je gesehen hatte. Wendungen, Tauchgänge, Beschleunigung aus dem Stand – Freddy war ein Naturtalent.
An Land dagegen war er eine Katastrophe.
Was nicht daran lag, dass er es nicht versuchte. Freddy versuchte es sehr. Er beobachtete die Menschen am Strand genau. Zwei Beine, aufrecht, einer vor den anderen. Er hatte keine Beine. Er hatte Flossen. Aber Freddy war optimistisch.
Er versuchte zu laufen. Was herauskam war ein Vorwärtsstampfen mit dem Bauch, unterbrochen von kleinen Sprüngen, bei denen er jedes zweite Mal leicht nach links driftete.
Die Touristen machten Fotos.
Das war Freddys zweites Problem: Die Fotos. Denn die Menschen, die Fotos machten, lachten dabei. Aber – und das war die entscheidende Beobachtung – sie lachten freundlich. Mit großen Augen. Viele sagten „Oooh.“ Manche sagten „Der ist so süß.“
Freddy verstand nicht was süß bedeutete. Aber der Ton klang gut.
Er robbte also weiter. Noch ein bisschen dramatischer. Noch ein bisschen mehr Bauch. Wenn er fast stürzte, stürzte er vollständig – weil die Reaktion dann am lautesten war.
Irgendwann, an einem Dienstagvormittag, robbte Freddy auf eine Gruppe Touristen zu, wackelte dabei so ausgiebig dass er zweimal seine eigene Richtung verlor, und landete schnaufend zwei Meter vor der Gruppe.
Siebenunddreißig Fotos. In zwölf Sekunden.
Freddy verstand: Das war kein Fehler. Das war Talent.
Von da an lehrte er es seine Kinder. Die lehrten es ihre Kinder. Heute macht es jeder Seehund – dieses geduldige, wackelige, würdelos-würdevolle Robben. Als könnten sie es nicht besser.
Sie könnten es besser.
Sie wollen nur nicht.
Gute Nacht.
