|

Warum Schwalben zum selben Nest zurueckkehren

Schwalben kehren zu ihren bekannten Nestern zurück, weil diese Nester energieaufwändig zu bauen sind und der Wiederaufbau erhebliche Ressourcen kostet. Der Ort eines erfolgreichen Nests bietet zudem bewährte Vorteile wie Schutz vor Raubtieren und günstige Bedingungen für die Brut, weshalb die Rückkehr eine ökonomisch sinnvolle Strategie darstellt. Das sagen die Fachleute. Wer’s lieber spannend mag, lauscht jetzt den Worten von Opa Kurt:

Also, Kinder, heute erklaere ich euch, warum Schwalben jedes Jahr denselben Stall, denselben Balken, denselben Fleck finden – nach einem Winter in Afrika.

Das war im April 2022, und ich sass auf dem Dachbalken eines alten Bauernhofs am Stadtrand, als etwas passierte, das mich sehr bewegte.

Es war ein grauer Aprilmorgen, noch kuehl, leichter Wind aus Nordwest. Und dann kam eine Schwalbe. Allein, aus Richtung Sueden, schnell und zielstrebig. Sie flog direkt in den Stall, direkt unter das Dach, direkt zu einem alten Nest aus Lehm und Stroh, das seit dem letzten Herbst leer dagehangen hatte.

Sie landete. Sah sich um. Schaute das Nest an. Nickte – so jedenfalls wirkte es. Dann fing sie an, es auszubessern.

Ich flog hinein. Die Schwalbe hiess, wie ich bald erfuhr, Hanna. Hanna war das dritte Jahr in Folge hier.

„Hanna“, sagte ich, „wie hast du das gefunden?“ Hanna sah mich kurz an, ohne den Schnabel vom Nest zu nehmen. „Ich kenne es“, sagte sie. „Du warst seit Oktober in Afrika.“ „Ja.“ „Ueber zehntausend Kilometer.“ „Ungefaehr.“ „Und trotzdem findest du genau dieses Nest.“

Hanna hielt kurz inne. Dann erklaerte sie mir, so knapp wie Schwalben nun mal reden, was in ihr vorgeht.

Schwalben navigieren mit allem, was sie haben. Dem Magnetfeld der Erde – sie spueren es wie einen unsichtbaren Kompass im Kopf. Den Sternen – sie orientieren sich an der Position der Milchstrasse, auch nachts. Der Sonne und ihrem Stand. Und Landmarken: Fluesse, Kuestenlinien, Berge, Staedte. All das zusammen ergibt eine innere Karte, so praezise, dass sie nicht nur das Land, nicht nur die Stadt, nicht nur den Hof – sondern den einzelnen Balken findet.

„Und wenn das Nest weg waere?“, fragte ich. „Wenn jemand es abgerissen haette?“ Hanna schwieg einen Moment. „Dann waere ich trotzdem hier“, sagte sie. „Und wuerde ein neues bauen.“ „Am selben Fleck?“ „Am selben Fleck.“

Marta, die neben mir auf dem Dachbalken sass, sagte leise: „Das ist Heimat.“ „Ja“, sagte ich. „Nicht das Nest“, sagte Marta. „Der Ort.“

Das fand ich sehr richtig. Hanna kannte nicht das Nest als Nest. Sie kannte diesen Punkt auf der Welt. Diesen einen Punkt, der nach all den Tausenden Kilometern immer noch da war, immer noch roch wie frueher, immer noch aussah wie damals.

Kruemel fragte leise: „Opa Kurt, haben wir auch so einen Ort?“ Ich dachte an den alten Poller an der Columbuskaje. „Ja“, sagte ich. „Den haben wir.“

Jedenfalls, Kinder: Schwalben kommen nicht nach Hause, weil sie muessen. Sie kommen, weil es ihr Ort ist. Weil kein anderer Ort auf der Welt genau dieser ist.

Das versteht man nur, wenn man selbst so einen Ort hat.

Gute Nacht.

Mit Unterstützung von KI erstellt.

Ähnliche Beiträge