Warum Schwalben sich zu Tausenden auf Stromleitungen sammeln
Schwalben sammeln sich auf Stromleitungen vor allem zur Vorbereitung auf den Herbstzug, um Energie zu sparen und soziale Kontakte zu pflegen, bevor sie in ihre Winterquartiere migrieren. Die Leitungen bieten ihnen zudem ideale Rastplätze mit guter Übersicht über ihre Umgebung, wo sie sich orientieren und Nahrungsquellen auskundschaften können. Das sagen die Fachleute. Wer’s lieber spannend mag, lauscht jetzt den Worten von Opa Kurt:
Also, Kinder, heute erklaere ich euch, warum Schwalben im Herbst ploetzlich alle gleichzeitig auf denselben Stromleitungen sitzen – so viele, dass die Leitung durchhaengt.
Das war im September 2022, und ich sass auf dem Deich und beobachtete etwas, das ich nur als Volksversammlung beschreiben kann.
Auf den drei Stromleitungen, die parallel ueber die Wiese laufen, sassen Schwalben. Hunderte. Dann mehr. Dann so viele, dass ich aufgehoert hatte zu zaehlen. Sie kamen aus allen Richtungen, setzten sich dazu, rueckten zusammen, und das Ganze wuchs, bis die mittlere Leitung tatsaechlich einen leichten Bogen machte.
Brise sass mittendrin. Ich flog hin und quetschte mich – soweit eine Moewe sich quetscht – an den Rand.
„Brise“, sagte ich, „was ist das hier?“ „Vorbereitung“, sagte Brise. „Auf was?“ „Den Abzug.“
Ich sah die Leitungen entlang. Schwalben, so weit ich sehen konnte. Ein leises, gleichmaessiges Zwitschern, wie ein sehr grosses, sehr ruhiges Gespraech.
Brise erklaerte mir, was hier passiert. Vor dem grossen Zug nach Afrika versammeln sich Schwalben. Nicht zufaellig, nicht unkoordiniert – sondern bewusst, taeglich mehr, ueber Wochen. Sie schlafen gemeinsam im Schilf oder auf Leitungen. Sie fressen zusammen, bauen Fettreserven auf. Und sie – und das fand ich am schoensten – warten aufeinander.
„Ihr wartet?“, fragte ich. „Wir fliegen zusammen“, sagte Brise. „Nicht alle auf einmal, aber in Gruppen. Man wartet, bis genug da sind.“ „Warum gemeinsam?“ „Weil es sicherer ist“, sagte Brise. „Weil man sich orientiert. Weil man nachts zusammen schlaeft und warm bleibt. Weil zehntausend Kilometer allein sehr lang sind.“
Das leuchtete mir ein.
Kruemel, der 2022 dabei war und die Leitungen von unten bestaunte, fragte: „Opa Kurt, erkennen die sich alle gegenseitig?“ „Nicht alle“, sagte ich. „Aber die aus derselben Kolonie schon. Die kennen denselben Dialekt, denselben Weg, dasselbe Ziel.“ „Das ist wie eine Reisegruppe“, sagte Kruemel. „Ja“, sagte ich. „Nur ohne Reiseleiter.“ „Wer fuehrt dann?“ Ich sah zu Brise. Brise zuckte kurz mit den Fluegeln. „Keiner“, sagte sie. „Alle.“
Marta, die neben mir sass und die Leitungen betrachtete, sagte leise: „Das ist eigentlich schoen.“ „Ja“, sagte ich. „Zusammen aufbrechen. Zusammen ankommen.“ „Und zusammen zurueckkommen“, sagte Marta. „Im Fruehling.“
Jedenfalls, Kinder: Wenn ihr im Herbst Schwalben auf Stromleitungen seht – das ist kein gewoehnlicher Tag. Das ist der Moment vor der grossen Reise. Die letzte Nacht zuhause, bevor es losgeht.
Schaut gut hin. Im Fruehling kommen sie wieder.
Gute Nacht.
Mit Unterstützung von KI erstellt.
