Warum Hunde Gras fressen
Hunde fressen Gras aus mehreren Gründen: Sie suchen damit Ballaststoffe auf, um ihre Verdauung zu regulieren, oder sie leiden unter Magenbeschwerden und versuchen, sich selbst zu erleichtern. Teilweise ist es auch einfach natürliches Nahrungssuchverhalten, da ihre wilden Vorfahren pflanzliche Nahrung zu sich nahmen. Das sagen die Fachleute. Wer’s lieber spannend mag, lauscht jetzt den Worten von Opa Kurt:
Also, Kinder, heute erkläre ich euch, warum Hunde manchmal Gras fressen.
Das war im Mai 2012, ein warmer Frühlingstag, und ich saß auf dem Deich beim Weserstrand, als ich unten einen Beagle beobachtete, der sehr systematisch Gras aß. Nicht einen Halm. Mehrere. Mit großem Ernst.
Der Beagle hieß Sherlock – das rief seine Besitzerin mehrfach, zunächst fragend, dann mahnend, dann resigniert. Sherlock hörte nicht. Sherlock aß Gras.
Ich flog hinunter.
„Sherlock. Du bist ein Hund.“
„Ja“, sagte Sherlock, ohne aufzuhören.
„Hunde essen kein Gras.“
„Ich schon“, sagte Sherlock.
„Warum?“
Sherlock hörte kurz auf, sah mich an, und dann – mit der Würde eines Hundes, der seine Diagnose kennt – erklärte er es mir.
„Mein Magen“, sagte er, „ist nicht in Ordnung.“
„Was hast du gegessen?“
Sherlock schwieg eine halbe Sekunde zu lang.
„Nichts Bestimmtes“, sagte er.
Das klang nach etwas Bestimmtem. Aber ich fragte nicht weiter. Sherlock erklärte mir stattdessen die eigentliche Sache: Wenn ein Hund Magenprobleme hat – wenn er sich unwohl fühlt, wenn da etwas liegt, das nicht dahin gehört – dann fressen manche Hunde Gras. Das Gras kitzelt im Magen und im Hals. Es regt den Würgereiz an. Und dann kommt das raus, was rein sollte.
„Das ist wie eine Hausreinigung“, sagte Sherlock.
„Das ist wie eine Reinigung“, sagte ich, „ja.“
„Und danach geht es mir besser“, sagte Sherlock.
„Und was hast du vorher gegessen, das die Reinigung nötig machte?“
Sherlock sah mich an. Dann sah er zur Seite. Dann aß er noch einen Grashalm.
Fiete, der neben mir gelandet war und alles mitgehört hatte, sagte: „Ich kenn das. Ich hab mal eine Plastiktüte gefressen. Aus Versehen.“
„Wie frisst man aus Versehen eine Plastiktüte?“, fragte ich.
„Da war noch Fisch drin“, sagte Fiete.
Ich ließ es stehen.
Jedenfalls, Kinder: Hunde fressen Gras nicht, weil sie plötzlich Vegetarier werden wollen. Und nicht, weil sie verrückt sind. Sie machen das, weil ihr Körper ihnen sagt: hier stimmt was nicht, und da ist das Gegenmittel. Direkt vor deiner Nase. Kostenlos. Wächst überall.
Das ist, wenn man so drüber nachdenkt, ziemlich clever. Die meisten von uns brauchen eine Apotheke, wenn der Magen streikt. Sherlock braucht nur den nächsten Grünstreifen.
Sherlock war inzwischen fertig. Er sah zufrieden aus. Dann trabte er zu seiner Besitzerin, die ihm einen leicht skeptischen Blick zuwarf.
Ich flog zurück auf den Deich und dachte: Manchmal weiß der Körper am besten, was er braucht. Man muss nur hinhören.
Gute Nacht.
