Warum Hasen plötzlich wie verrückt durch den Raum rasen (Hase-500)
Hasen führen diese schnellen, zickzackförmigen Sprünge (sogenannte „Haken schlagen“) durch, um Raubtiere zu verwirren und zu entkommen, da ihre Wendigkeit ihnen dabei einen Vorteil gegenüber Verfolger wie Füchsen oder Greifvögeln verschafft. Dieses Verhalten wird durch Angst ausgelöst und ermöglicht es ihnen, ihre hohe Geschwindigkeit von bis zu 80 km/h effektiv einzusetzen. Das sagen die Fachleute. Wer’s lieber spannend mag, lauscht jetzt den Worten von Opa Kurt:
Also, Kinder, heute erkläre ich euch, warum Hasen manchmal ohne jede Vorwarnung losrasen – durch den ganzen Raum, Haken schlagend, mit Vollgas, und dann einfach wieder aufhören.
Das nennen Kenner den Hase-500. Ich nenne es: das ehrlichste Geständnis der Tierwelt.
Frieda hatte es im Frühjahr 2022 dokumentiert. Sie saß mit Klemmbrett und Stift – Brille, gesprungenes Glas – auf dem Fensterbrett eines Bauernhauses am Stadtrand und beobachtete das Kaninchen der Familie drinnen im Wohnzimmer.
Ich kam dazu. „Was machst du?“
„Ich warte“, sagte Frieda.
Drei Minuten später geschah es. Das Kaninchen – kleines graues Tier, hieß Bohne – saß friedlich neben seinem Heukorb. Dann zuckte etwas in ihm. Die Ohren legten sich kurz an. Und dann: Vollgas.
Bohne schoss quer durch das Wohnzimmer, schlug bei der Couch einen Haken links, einen rechts, sprintete unter dem Couchtisch durch, machte einen Kreis um den Sessel, noch einen, und hielt dann abrupt an. Setzte sich. Putzte sich die Nase.
Fertig. Acht Sekunden. Als wäre nichts gewesen.
„Notiert“, sagte Frieda und schrieb etwas auf.
„Was schreibst du?“, fragte ich.
„Überschussenergie, 15:43 Uhr“, sagte sie.
Und damit hatte sie recht. Ich erkläre es trotzdem ausführlicher.
Hasen sind für Geschwindigkeit gebaut. Bis zu achtzig Stundenkilometer. Haken schlagen. Verfolger abhängen. Der Körper ist eine einzige Fluchtmaschine – Muskeln, Sehnen, Hinterläufe wie Federn.
Nur: In einem Wohnzimmer gibt es nichts zu flüchten. Keinen Fuchs. Keinen Bussard. Nichts.
Aber der Körper weiß das nicht. Der Körper hat Energie. Der Körper will rennen. Und irgendwann – wenn die Energie zu viel wird, wenn es in den Beinen kribbelt und der Hase schon den ganzen Nachmittag nur gesessen hat – dann rennt er einfach. Nicht vor etwas weg. Nicht auf etwas zu. Einfach so.
Weil es sich gut anfühlt. Weil der Körper sagt: Ich bin für das gebaut. Lass mich kurz.
Bohne gähnte. Legte sich hin.
„Zufrieden“, sagte Frieda und klappte das Klemmbrett zu.
Manchmal, Kinder, muss man einfach rennen. Nicht weil etwas hinter einem ist – sondern weil man es kann.
Gute Nacht.
