Warum Hasen ihr Kinn an allem reiben (Chinning)
Hasen markieren durch das Reiben ihres Kinns an Objekten ihr Territorium, da sich dort Duftdrüsen befinden, die ein individuelles Duftsekret absondern. Dieses Verhalten dient der Kommunikation mit anderen Hasen und hilft ihnen, ihre Reviere zu kennzeichnen. Das sagen die Fachleute. Wer’s lieber spannend mag, lauscht jetzt den Worten von Opa Kurt:
Also, Kinder, heute erkläre ich euch, warum Hasen ihr Kinn an Stühlen reiben, an Tischen, an Schuhkästen, an Beinen von Menschen und an allem anderen, was ihnen in die Quere kommt.
Das sieht aus wie Zärtlichkeit. Es ist Bürokratie.
Marta hatte das sehr gut verstanden. Sie nickte damals, als ich es ihr erklärte, und sagte: „Das machen wir Möwen mit dem Revier auch. Nur anders.“
Ich sagte: „Ihr schnappt einfach nach allem, was sich nähert.“
Sie sagte: „Ist effizienter.“
Das stimmt. Aber ich erkläre erst den Hasen.
Am Kinn eines Hasen sitzen Duftdrüsen. Kleine, unsichtbare Drüsen, die einen Geruch absondern, den kein Mensch riechen kann, aber jeder Hase sofort erkennt. Und wenn der Hase sein Kinn an etwas reibt, hinterlässt er dort eine Botschaft.
Die Botschaft lautet: Meins.
Nicht böse gemeint. Nicht aggressiv. Einfach: Meins. Zur Information. Für alle, die es angeht.
Der Stuhl: meins. Der Tisch: meins. Die Fußmatte: meins. Das Bein von Frau Müller, die jeden Dienstag zu Besuch kommt: auch meins, tut mir leid, Frau Müller.
Der Hase macht das nicht aus Bosheit. Er macht es aus Ordnungsliebe. Er hat ein klares Bild davon, was zu ihm gehört, und er möchte, dass das alle wissen. Vor allem die anderen Hasen. Denn der Geruch bleibt tagelang. Und jeder Hase, der vorbeikommt, liest ihn wie ein Schild an der Tür.
Ein alter Rammler namens Theo – den kannte ich flüchtig, er wohnte in einem Garten in der Nähe des Leuchtturms – hatte sein gesamtes Revier eingechinnt. Jeden Zaunpfahl. Jeden Blumentopf. Den Gartenschlauch. Die Schubkarre. Die Gießkanne. Den Liegestuhl.
„Gehört dem das alles?“, fragte Fiete.
„In seinen Augen“, sagte ich, „ja.“
Der Besitzer des Gartens ahnte es nicht. Er saß im Liegestuhl und dachte, der Liegestuhl gehöre ihm.
Theo saß daneben und dachte dasselbe.
Manchmal, Kinder, gehört dasselbe Ding zwei verschiedenen Leuten – und beide haben irgendwie recht.
Gute Nacht.
