Brüderchen und Schwesterchen
Also, Kinder, ich erzähl euch heute mal die Geschichte von Brüderchen und Schwesterchen. Zwei Geschwister, die füreinander durchs Feuer gegangen wären. Oder in diesem Fall: durch den Wald.
Die beiden lebten bei einer bösen Stiefmama. Die mochte sie nicht besonders – um es nett auszudrücken. Eines Tages hatten sie genug und liefen einfach weg. Raus aus dem Haus, rein in den Wald. Was kommt, kommt.
Aber die Stiefmama war nicht nur böse, sie war auch noch eine Hexe. Und sie hatte die Quellen im Wald schon vorher verzaubert.
Brüderchen lief durch den Wald und wurde immer durstiger. „Ich muss trinken!“, rief er. „Irgendwo muss hier Wasser sein!“ Schwesterchen hörte jedoch, wie das erste Bächlein ganz leise flüsterte: „Wer aus mir trinkt, wird ein Tiger.“ Sie hielt Brüderchen zurück. Das zweite raunte: „Wer aus mir trinkt, wird ein Wolf.“ Auch da: Finger weg.
Beim dritten Bächlein – und Brüderchen war inzwischen wirklich sehr, sehr durstig – rauschte es: „Wer aus mir trinkt, wird ein Rehkälbchen.“ Und Brüderchen trank.
Schwupp. Da stand ein kleines Reh vor Schwesterchen. Es schaute sie mit großen braunen Augen an. Schwesterchen weinte, band ihm ihr Strumpfband um den Hals wie ein Halsband, und zog mit ihm weiter. Zusammen fanden sie ein verlassenes Häuschen im Wald. Dort richteten sie sich ein, so gut es ging.
Schwesterchen kochte, kümmerte sich um alles, und das Reh lief tagsüber durch den Wald. Es war ein gutes, wenn auch ungewöhnliches Leben.
Dann kam der König auf die Jagd. Das Rehkälbchen lief neugierig mit und wurde von einem Jäger beobachtet. Der König folgte dem Tier – und fand das Häuschen. Und Schwesterchen. Und der König mochte Schwesterchen sofort sehr. Er fragte, ob sie mit ihm ins Schloss kommen wollte. Das Reh dürfe selbstverständlich mit. Schwesterchen sagte ja.
So wohnten sie bald im Schloss, das Reh lief frei über die Wiesen, und Schwesterchen und der König heirateten. Es war ein schönes Leben. Für eine Weile.
Aber die böse Stiefmama hatte durch ihre Hexenkünste erfahren, was geschehen war. Sie schlich sich nachts ins Schloss und wollte Schwesterchen etwas antun. Doch die Wahrheit kam ans Licht – die Schlossleute erkannten die Hexe, und sie wurde ein für alle Mal aus dem Königreich vertrieben.
Der Zauber über das Wasser war gebrochen. Das Reh wurde wieder ein Brüderchen. Ein richtiges, menschliches Brüderchen – mit zwei Beinen und ohne Geweih.
Er umarmte seine Schwester so fest, dass sie beide fast umfielen.
Und von da an lebten alle vier zusammen: der König, Schwesterchen, Brüderchen – und die Erinnerung daran, dass man füreinander da sein muss, egal was passiert. Auch wenn der andere mal kurz ein Reh ist.
(643 Wörter)
Mit Unterstützung von KI erstellt.
